Event und Auslaufmodell – die Kirchliche Trauung

Die Evangelische Kirche im Rheinland hat ein kleines Materialpaket zur Kirchlichen Trauung herausgegeben.

Das gibt mir die Gelegenheit, über die Entwicklung rund um die Kirchliche Trauung nachzudenken.

Ich erinnere mich an einen Cartoon:

Ein älteres Ehepaar steht vor dem Bücherregal im Wohnzimmer und der Ehemann zeigt der Ehefrau die Traubibel. Dann sagt er: „Schau mal, Schatz, 50 Jahre sind wir jetzt verheiratet und haben nie gemerkt, dass in derTraubibel unseres Pfarrers keine einzige Seite bedruckt ist!“
In der Hand hält er eine Bibel, die mitten im Buch aufgeschlagen ist, und man sieht zwei leere Seiten.

So geht es vermutlich vielen Menschen: das Ereignis der Trauung ist noch in Erinnerung, die geistliche Grundlage gerät in Vergessenheit.

Dabei verspricht man doch einander, füreinander da zu sein und zwar ein Leben lang.

Ich habe schon viele Paare getraut. Bei jedem Brautpaar war ich überzeugt davon, dass es dieses Versprechen ernst meint. Und natürlich hat dieses Versprechen nicht bei allen gehalten.

Ob sich geschiedene Eheleute um die Traubibel wohl genauso streiten wie darum, wer die Kinder oder das Auto bekommt? Wohl kaum. Wahrscheinlich  wissen sie nicht einmal mehr, wo genau die Traubibel zu finden wäre.

Die Kirchliche Trauung verliert an Bedeutung.

Nur noch knapp die Hälfte aller evangelischen Ehepaare heiratet auch kirchlich. Die Trauung werde damit immer mehr zu einer bewussten Entscheidung, sagt Kirchenrat Eckart Schwab von der Evangelischen Kirche im Rheinland.

Er bringt es auf die Formel: je jünger die Brautleute, desto höher die Wahrscheinlichkeit einer Kirchlichen Trauung.

Das kann ich auch aus meiner Praxis bestätigen.

„Hier habe ich eine verlässliche Partnerschaft, die über viele Jahre, vielleicht ein ganzes Leben lang, hält!“ Wenn dieses Gefühl zum ersten Mal da ist,  dann ist die Neigung, das Ganze durch ein großes Fest und die Kirchliche Trauung zu feiern, groß.

In allen späteren Partnerschaften ist man entweder vorsichtiger geworden oder man denkt, dass man den einzigartigen Moment bereits vergeben hat und ihn deshalb hier nicht wiederholen möchte. Der – damals jedenfalls – schönste Moment im Leben ist gebunden an Erinnerungen und deshalb nicht wiederholbar.

Die Kirchliche  Trauung ist heute auch nur noch sehr selten ein Passage-Ritus. Die meisten Brautpaare kennen sich schon länger, leben schon seit einiger Zeit zusammen. Die Kirchliche Trauung ist da ein Schritt auf dem Weg, kein Startschuss in ein neues Leben mehr.

Umso erstaunlicher ist, dass trotz der gleichberechtigten Lebensweise der Brautpaare für die meisten Bräute das Hereinführen durch den Vater oder den Bruder außerordentlich wichtig ist.

Und dieser Moment muss perfekt inszeniert sein. Die Kirchliche Trauung war schon immer ein besonderer Moment im Leben eines Brautpaares, aber heute muss es der perfekte Moment sein.

Die Standards werden durch Youtube und „4 Hochzeiten und eine Traumreise“ (VOX) vorgegeben. Hochzeitsmessen tragen dazu bei, dass Erwartungen geweckt werden.

Hunderte von Euro werden ausgegeben für das perfekte Brautkleid, den perfekten Gospelchor, den perfekten Fotografen, das perfekte Brautauto, die perfekte Location und das perfekte Essen. Da ist man manchmal froh, dass wenigstens der Pfarrer kostenlos ist.

Für manche ist es das teuerste Fest, das sie je in ihrem Leben feiern.

Manchmal passt dann auch die Kirche nicht mehr zum geplanten Event. Ein Schloss, ein Strand oder ein Schiff wären da viel schöner. Da kommen neue Herausforderungen auf die Gemeinden zu.

Das Materialpaket der rheinischen Schwesterkirche informiert über Trends in der Entwicklung der Kirchlichen Trauung, bietet eine Auswahl an Trausprüchen und zeigt beliebte Hochzeitskirchen im Rheinland.

Das meiste dort über die Trauung Gesagte dürfte auch in Westfalen gelten. Es lohnt auf jeden Fall ein Blick hinein. Man kann es hier herunterladen.

Das ganze Interview mit Eckart Schwab kann hier gelesen werden.

Über Norbert Deka

Lebt und arbeitet im Ruhrgebiet. Als Pfarrer einer Kirchengemeinde ist er täglich mit Fragen des Glaubens und des Lebens konfrontiert. Auf der Suche nach Antworten sammelt er hier seine Gedanken.

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