Martin Luther – hoch auf dem Sockel

Das Lutherdenkmal vor der Kaufmannskirche in Erfurt

Ich stehe davor und komme mir unglaublich klein vor:

Martin Luther als Denkmal auf dem Sockel vor der Kaufmannskirche in Erfurt.

Ich schaue zu ihm hoch und er schaut über mich hinweg. Denn sein Blick ist in den Himmel gerichtet. Die aufgeschlagene Bibel in der Hand, blickt er gottweißwo hin.  Und ich kann nur zu ihm hinaufschauen.

Zu allem Überfluss ist er noch eingezäunt, sodass ich ihn nicht einmal berühren kann. Eine Begegnung auf Augenhöhe ist nicht möglich.

Wenn ich geradeaus schaue, lese ich die Inschrift auf dem Denkmal. Es ist ein Wort aus Psalm 118, 17: „Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werke verkündigen.“

Im Wikipedia-Artikel zum Lutherdenkmal lese ich, dass ein eigens für dieses Denkmal gegründeter Verein 72000 Mark sammelte, um ihn am 30. Oktober 1889 auf den Sockel zu setzen.

So ging man damals wohl mit Denkmalen um: hoch auf einem Sockel schauten die Berühmtheiten über einen hinweg und machten dem Betrachter klar: „Du bist viel zu klein, um mir auf Augenhöhe begegnen zu können. Außerdem sehe ich dich gar nicht! Ich habe Wichtigeres im Auge!“

Goethe und Schiller vor dem Theater in Weimar

Ich kenne viele solcher Denkmale aus dieser Zeit. Goethe und Schiller in Weimar schauen genauso über ihre Betrachter hinweg wie Rudolf Bunsen in Heidelberg. Und auch Luther selbst steht mehrfach auf solchen Sockeln. Der Sockel des Lutherdenkmals vor der Frauenkirche in Dresden ist noch höher.

Dabei hätte Martin Luther selbst wohl protestiert, wenn er davon gehört hätte, dass man ihn auf einen Sockel stellen möchte. Denn seine Absicht war es ja gerade, den Menschen vom Sockel zu holen, er sei nun Papst, König oder ganz normaler Mensch. Für Martin Luther gehörte nur einer auf einen Sockel, und das war Jesus Christus. Aber dessen Sockel war das Kreuz, also gewissermaßen auch wieder die Durchkreuzung aller Sockel dieser Welt.

In seiner Lehre vom Priestertum aller Gläubigen stellte Luther deutlich heraus, dass ein Mensch durch die Taufe bereits alles geschenkt bekommen hat, was er auf Erden braucht, um berühmt zu sein. »Denn was aus der Taufe gekrochen ist, das kann sich rühmen, dass es schon zum Priester, Bischof und Papst geweiht sei, obwohl es nicht einem jeglichen ziemt, solch Amt auszuüben“ („An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung“, 1520). Geistlich hat also ein Mensch alles, was er braucht; eine weitere Weihe ist nicht notwendig.

Davon hat man sich später unter anderem bei der Formulierung der Gleichheit aller Menschen in den Menschenrechten inspirieren lassen. Auch das ist ein Grund mehr, Menschen nicht wegen ihrer besonderen Leistungen auf einen Sockel zu stellen und zum Denkmal zu erheben.

Wie aber gedenkt man dann angemessen der besonderen Leistung von Menschen. Ich denke, das ist eine gute Frage.

 

 

 

Über Norbert Deka

Lebt und arbeitet im Ruhrgebiet. Als Pfarrer einer Kirchengemeinde ist er täglich mit Fragen des Glaubens und des Lebens konfrontiert. Auf der Suche nach Antworten sammelt er hier seine Gedanken.

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