Wie wäre es mit einer Halloween – Reformation?

Es ist der 31. Oktober 2017.

Morgens haben wir in einem Gottesdienst das Jubiläum „500 Jahre Reformation“ gefeiert.

Am Abend bringe ich meine Tochter mit dem Auto zu einer Freundin und bin auf dem Rückweg nach Hause.

Ich höre einen dumpfen Schlag an der Beifahrerseite meines Autos und stelle beim Hinsehen fest, dass es sich um ein Ei handelt, das jemand auf das Auto geworfen hat. „Mist!“ denke ich, „wenn das eintrocknet, kriegst du das wochenlang nicht ab. Du musst in die Waschstrasse!“.

Ich halte also an, steige aus und stelle die Eierwerferin zur Rede. Ob sie mir wohl 10 Euro für die Waschstrasse geben möchte, weil sie ja gerade mein Auto versaut hat.

Es handelt sich um eine Mutter um die 40, die mit ihren Töchtern und deren Freundinnen auf dem Bürgersteig steht und mir erklärt, heute sei doch Halloween.

Ob denn das heiße, dass man alles und jeden mit Eiern bewerfen dürfe, frage ich. „Heute ist doch Halloween!“ wiederholt sie, als ob das alles erkläre und ich nur zu blöd sei, das zu verstehen.

Die Debatte geht noch eine Weile hin und her. Schließlich entschuldigt sie sich, aber man merkt der Entschuldigung an, dass sie dabei denkt: „Was regt der sich auf, versteht der keinen Spaß?“

Ich steige immer noch verärgert ins Auto und wasche zu Hause das Ei mit Wasser und Seife ab, damit es nicht eintrocknet.

Eigentlich könnte die Geschichte hier zu Ende sein. Aber mich lässt sie in den nächsten Tagen nicht los.

Die besten Argumente, die ich der Frau hätte sagen sollen, fallen mir natürlich wieder erst hinterher ein.

Zum Beispiel, dass man Eier zu Halloween – wenn überhaupt – ja erst dann wirft, wenn man von jemandem keine Süssigkeiten bekommen hat. Das scheint die Frau nicht mehr zu wissen. Sie geht ja offensichtlich davon aus, dass eine Art „rechtsfreier Raum“ entsteht, wenn ein solches Fest ansteht. Nach dem Motto: es ist Halloween, da darf ich Eier werfen. Auf wen und wann, ist dabei egal. Ähnliches ist ja auch bei anderen Feiertagen zu entdecken: Silvester zum Beispiel. Es ist Silvester, also darf ich Böller werfen und Raketen schießen. Auf wen und wann – egal!

Ich recherchiere ein wenig und finde hier heraus, dass diese Formen von Vadalismus durchaus Kritik an der Durchführung des Brauchtums auslösen. Ich lerne, dass der Kürbis ursprünglich eine irische Rübe war und dass Halloween nebenbei auch alte Bräuche wie das Martinssingen verdrängt, bei dem von Haus zu Haus gegangen wird und die Sangestruppe als Belohnung Süssigkeiten erhält. Muss ich mich also zwischen Halloween, dem Reformationstag und dem „stillen“ Feiertag Allerheiligen entscheiden? Oder feiere ich einfach alles nacheinander? Nach dem Motto: Erst des Thesenanschlags gedenken, dann verkleiden und Eier werfen und am Tag darauf eine Kerze anzünden? Gruselig.

Um nicht missverstanden zu werden:

ich gönne jedem den Spass, mit Kindern von Haus zu Haus zu ziehen und Süsigkeiten einzusammeln. Ich habe auch nichts gegen kleine Streiche dabei, es muss ja kein Ei sein.

Auch jedem, der sich gern gruselig verkleidet, sei der Spaß gegönnt.

Ich selbst mache aber weder das eine noch das andere gern und möchte auch keine Eier an meinem Auto haben.

Ich habe mein Auto-Ei-Erlebnis in einer Facebookgruppe gepostet, in der Leute die verschiedenen Haltungen zu Halloween diskutiert haben. Und das Fazit dieses Dialoges war im Großen und Ganzen: wer es feiern will, soll es tun. Aber er soll andere, die das nicht tun wollen, respektieren. Diese Haltung ist auch meine.

Andrew Schäfer spricht mir aus der Seele, wenn er sagt:
„Ob ich Halloween also feiere, ist eine Frage der Verantwortung gegenüber den beteiligten Menschen, Kindern wie Erwachsenen. Ist es ein fantasievolles Spiel oder ist es ein Anlass, dümmliche Gruseleffekte zu inszenieren, die den Kindern Angst machen? Ist es nur wieder neuer Kommerz oder ist es ein fröhliches, kreatives Fest? Entscheiden Sie selbst! Das ist gute protestantische Tradition und wird der Tatsache gerecht, dass Halloween erst in seinem jeweiligen situativen Kontext sein wenn überhaupt religiöses Gepräge bekommt.“

Er erinnert an Paulus, der an die Freiheit eines Christenmenschen erinnerte, selbst zu entscheiden, wie weit er gehen will. Schäfers ganzen Kommentar kann man hier nachlesen.

Doch die Sache geht wohl noch tiefer.

Ganz davon abgesehen, ob ich als evangelischer Christ ein würdiges Gedenken der Reformation an diesem Tag erleben möchte, oder mich als katholischer Christ einstimmen möchte auf das Gedenken der Verstorbenen am kommenden Tag oder als jemand, der mit all dem nichts anfangen kann, meinen Spaß bei Verkleiden und beim Durch-das-Dunkle-ziehen haben möchte, scheint die Frau, die mein Auto mit Eiern bewirft, von all dem gar keine Ahnung mehr zu haben.

Sie hat verstanden: an Halloween darf ich Eier werfen, ohne bestraft zu werden. Sachbeschädigung und Vandalismus werden sozusagen durch diesen Brauch legitimiert.

Bei vielen Feier- und Gedenktagen scheint das ein Phänomen zu sein: ich weiß zwar nicht, warum ich heute frei habe, aber ich nutze es so, dass ich jede Menge Spass damit habe – und wenn es auf Kosten anderer geht.

Der zum „Vatertag“ (= anderes Wort für „Kollektivbesäufnis“) umfunktionierte Feiertag Christi HImmelfahrt ist ein weiteres Beispiel dafür. Die Debatten um verkaufsoffene Sonntage und die zahlreichen verkaufsoffenen Türen am 3. Oktober 2017, der ein Sonntag war, belegen den Trend ebenfalls.

Offensichtlich verlieren die tatsächlichen Anlässe von Feier- und Gedenktagen immer mehr an Akzeptanz und Sinn.

Es scheint an der Zeit für eine weitere Reformation. Diesesmal nicht in der Kirche, sondern bei der Kultur des Feiern und Gedenkens in unserem Land.

Was denken Sie? Ist der Trend zum Spaß ein guter? Gibt es eine Balance zwischen Spaß und Ernst bei diesem Thema? Brauchen wir eine Halloween-Reformation?

 

 

Über Norbert Deka

Lebt und arbeitet im Ruhrgebiet. Als Pfarrer einer Kirchengemeinde ist er täglich mit Fragen des Glaubens und des Lebens konfrontiert. Auf der Suche nach Antworten sammelt er hier seine Gedanken.

Ich freue mich auf Ihren Kommentar.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.