Hätte Josef gegoogelt?

Ganz sicher!

Wenn es damals schon Google und Facebook und all die anderen Sachen gegeben hätte, hätten Maria und Josef sie benutzt.

Wie das damals ausgesehen hätte, das sieht man hier:

Es entsteht bei dieser Geburtsgeschichte immer der Eindruck, es handele sich um ein bemittleidenswertes Paar, das arm und entkräftet von Nazareth nach Bethlehem reist, um dort unter ärmlichen Verhältnissen den Retter der Welt zur Welt zu bringen.

Schaut man sich den exegetischen Befund nach Lukas und Matthäus an, dann muss man mit einer ganzen Reihe von Vorurteilen aufräumen.

Zum einen ist nirgendwo die Rede davon, dass Josef und Maria arm oder mittellos waren. In heutigen Zeiten hätten sie sicher auch ein Smartphone und vielleicht keinen Mercedes, aber einen ordentlichen Mittelklassewagen. Dass sie einen Esel für die Reise benutzten, wie es viele Krippenbilder zeigen, ist nicht ausgeschlossen, biblisch belegt ist es aber nicht.

Zum anderen liegen zwischen Nazareth und Bethlehem ca. 180 Km. Das ist eine Strecke, für die man über den Daumen etwa 14 Tage zu Fuss unterwegs ist. Sie werden also mehrfach übernachtet haben müssen. Das werden sie sicher nicht auf dem freien Feld getan haben, sondern in einer Herberge, einer Karawanserei.

Der Hinweis des Lukas, dass kein Raum mehr in der Herberge war, lässt darauf schließen, dass innerhalb dieser Karawanserei zwar kein abgeschlossener Raum oder ein Zimmer mehr zur Verfügung stand, wohl aber im Bereich der offenen Stallungen noch Platz war.

Die in Krippenspielen häufig zu sehende Szene der Herbergssuche ist also wohl dem Missverständnis geschuldet, dass der Raum innerhalb der Karawanserei begrenzt war und nicht innerhalb ganz Bethlehems. Wir haben es also eher mit einem übervollen Hotel zu tun als mit einer Stadt, in der man kein Zimmer mehr bekommt.

Darüber hinaus deutet auch in der lukanischen Weihnachtsgeschichte nichts darauf hin, dass der Raum in den Stallungen in irgendeiner Weise ärmlich war. Er war sicher nicht so komfortabel wie ein eigenes Zimmer. Für die Geburt wäre das sicher besser gewesen. Aber dass er ärmlich oder eingeschränkt war, ist bei Lukas nicht zu lesen.

Auch die Hirten, die dann nachts in die Stallungen kamen, haben ja einen Beruf und einen Arbeitsplatz, sind also nicht arm und verfroren, wie es in Krippenspielen immer zu sehen ist. Manche denken sogar, dass den Hirten diese Herde selbst gehörte, sie also selbständige Unternehmer seien.

Es kommt Lukas und Matthäus offensichtlich nicht darauf an, Jesus in einem ärmlichen Umfeld darzustellen. Ihnen ist wichtig, dass den Menschen durch Engel (bei Lukas) oder einen Stern (bei Matthäus) angekündigt wird, wer dieses Kind ist: ein König, der Heiland.

Das Reisen waren Maria und Josef übrigens gewohnt, wenn man den neutestamentlichen Quellen glauben darf.
Maria war schon schwanger zu Elisabeth gereist (Lukas 1,39ff).

Nach Lukas ziehen beide nach etwa 40 Tagen mit Jesus nach Jerusalem, um im Tempel zu opfern und zu danken (Lukas 2,22).

Nach Matthäus schließt die Flucht nach Ägypten unmittelbar an die Geburt an.

Und auch später unternahmen beide mit der ganzen Familie Reisen z. B. nach Jerusalem (vgl. Lukas 2,41).

Wir dürfen uns Maria und Josef also durchaus so vorstellen, wie sie in dem Video oben präsentiert werden: ein Ehepaar, dass alles unternimmt, um in sicher schwierigen Zeiten ihr Kind gut auf die Welt zu bringen. Und das dabei selbstverständlich die Hilfen in Anspruch nimmt, die das Reisen damals schon geboten hat.

Über Norbert Deka

Lebt und arbeitet im Ruhrgebiet. Als Pfarrer einer Kirchengemeinde ist er täglich mit Fragen des Glaubens und des Lebens konfrontiert. Auf der Suche nach Antworten sammelt er hier seine Gedanken.

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