Die neue Lutherbibel

Pünktlich zum Reformationsjubiläum erscheint die Lutherbibel in einer aktualiserten Übersetzung.

Die letzte Überarbeitung war 1984. Nun hat man sich erneut daran gemacht und die Lutherbibel sprachlich überarbeitet.

Drei Kriterien waren den Gestaltern dabei wichtig:

  1. die Nähe zum griechischen und hebräischen Urtext
  2. die Verständlichkeit
  3. die Nähe zur Sprache Martin Luthers

Insgesamt wurden im Alten und Neuen Testament 39 % aller Verse verändert.

Die Deutsche Bibelgesellschaft hat das Wichtigste zusammengefasst.

An zwei Beispielen möchte ich die grundlegende Problematik verdeutlichen.

Ein Beispiel für die Rückkehr zum griechischen Urtext ist die Passage des zwölfjährigen Jesus im Tempel (Lukas 2,48):
Er wird von seine Eltern gesucht und im Tempel gefunden. Seine Mutter Maria ist nach der tagelangen Suche aufgewühlt und sagt zu ihm in der bisherigen Übersetzung:
„Mein Sohn, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht.“
Im griechischen Text steht aber nicht „Sohn“ (υἱός), sondern „Kind“ (τέκνον). Und das entspricht auch vielmehr dem, wie eine Mutter ihren zwölfjährigen Sohn anspricht, nämlich mit „Kind“ und nicht mit „Sohn“.
Keine Mutter sagt in dieser Situation „Sohn“. Also heißt es nun:
„Mein Kind, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht.“

Die Überarbeitung wird sicher dem griechischen Urtext gerechter als die alte Version. Aber eine Mutter von heute hätte das Ganze sicher so gesagt:

„Mein Kind, warum hast du uns das angetan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht.“

Das Kriterium der Nähe zum Urtext wurde erfüllt, das der Verständlichkeit nicht unbedingt.

Noch deutlicher ist das im nächsten Beispiel:

Johannes 11,25:   hier will man zurück zum Konjunktiv und zu Luthers Formulierung. Bisher hieß es:
„Jesus spricht zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt;“

Jetzt heißt es wieder:
„Jesus spricht zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe;“

Sprachlich verständlicher wäre sicher die erste Variante. Näher an der Formulierung Luthers ist wohl die zweite.

So wird es wohl bei jeder Überarbeitung sein: es bleibt ein Balanceakt zwischen der Nähe zu den Quellen und zum Reformator und der Verständlichkeit der Aussagen in unseren Tagen.

Dabei zeigt sich, wie vorsichtig und sorgfältig die Gestaltenden mit den Quellen umgegangen sind.

Sie erreichen damit eine lesenswerte und gute Überarbeitung, die uns sicherlich die nächsten Jahrzehnte begleiten wird.

Vielleicht wird uns die Bibel in der Sprache Martin Luthers gerade durch ihre Fremdheit wieder zu einer neuen Herausforderung und regt uns an, um Verständlichkeit zu ringen.

Das alles geht aber an dem eigentlichen Hauptproblem vorbei: auch die noch so sorgfältig überarbeitete Übersetzung nützt nichts, wenn sie nicht gelesen wird.

Und da scheint mir die größte Herausforderung zu liegen: die Relevanz des in der BIbel Gesagten für unsere Tage wieder deutlich zu machen.

Es ist aller Ehren wert, dass sich Sonntag für Sonntag Lektorinnen und Lektoren daran machen, biblische Texte im Gottesdienst zu lesen.

Hat man Glück, haben die Lesenden den Text zu Hause vorbereitet und auch verstanden.

Doch manchmal lauscht man Lektoren im Gottesdienst beim Vorlesen aus der Bibel und hat den Eindruck: auch der Lektor ist plötzlich überrascht von dem, was da an Worten auf ihn zukommt.

Da holpern und stolpern sie über fremde Namen und Länder, verheddern sich in der Grammatik des Paulus und verlaufen sich bei den gedanklichen Schachteleien eines Johannes.

Die gedankliche Komplexität der Sachverhalte in den kurzen Passagen wird unterschätzt und man merkt dem Leser an, dass er den Text nicht wirklich durchdrungen hat.

Wie sollen dann die Hörenden mitkommen?

In einer Zeit, in der eine Twitternachricht 140 Zeichen hat, ist ein biblischer Text von mehreren Versen Länge für Lesende wie Hörende oft schon eine Herausforderung.

Was wollen wir eigentlich mit dem Vorlesen der Schrift im Gottesdienst? Eine liturgische Pflicht erfüllen oder den Hörenden Zusammenhänge ermöglichen?

Wie erreichen wir jenseits aller Verständlichkeit der Übersetzung das Verstehen des Gelesenen beim Hörenden? Vielleicht ist weniger hier mehr.

Über Norbert Deka

Lebt und arbeitet im Ruhrgebiet. Als Pfarrer einer Kirchengemeinde ist er täglich mit Fragen des Glaubens und des Lebens konfrontiert. Auf der Suche nach Antworten sammelt er hier seine Gedanken.